Google Glass – Die dunkle Seite des Konsumenten

Wie wäre es, wenn ein Mensch rein theoretisch jeden Moment seinen Lebens speichern könnte? Wenn wir unsere Erfahrungen und Erlebnisse für die Ewigkeit konservieren könnten? Oder wenn wir jederzeit alle wichtigen Informationen um uns herum abrufen könnten?

Klingt nach Utopie? – Nicht ganz. Seit mehreren tausend Jahren überbringen Menschen ihre Erfahrungen in Form von überlieferten Sagen, Schriften, Skulpturen oder Bildern. Beginnend mit einfarbigen Kritzeleien in alten Höhlen, weiterführend mit Steinhauerei, Stift und Papier und Fotos, bis hin zu Videos, Smartphones und Social Media. Noch nie hatte der Mensch eine solche Vielfalt an Medien zur Verfügung, um Informationen zu speichern. Fotos vom gemeinsamen Weihnachtsessen, Berichte vom Hausbau im Online-Blog, Personenverlinkungen und Geocodierung in Sozialen Netzwerken und Videos von der Abi Mottowoche auf YouTube gehören mittlerweile zum täglichen Leben. Menschen können jederzeit nachvollziehen, wann sie wo mit wem was gemacht haben und passende Abbilder (Fotos) erzeugen.

Das Mobiltelefon hat unsere Kommunikation mobilisiert, das Smartphone hat unser Dasein. Menschen existieren nicht mehr nur noch in der realen Welt. Online-Avatare, Social Media Profile und persönliche Blogs digitalisieren bestimmte Eigenschaften und Charakterzüge des Menschen. Er erhält sozusagen ein digitales Abbild.

Der Internetkonzern Google ist ständig bestrebt, die Grenze zwischen der realen und virtuellen Welt immer mehr aufzubrechen, die beiden eins werden zu lassen. Als Schlüsselinstrument dient ein neues Google Produkt, welches in einer solchen Form bisher noch nie da gewesen ist. Die Rede ist von Google Glass.

 

Bildschirmfoto 2014-06-05 um 19.18.29

 

Quelle: http://www.google.com/glass/start/how-it-looks/

 

Google Glass – Erweiterung der Realität

Was genau ist Google Glas? Auf den ersten Blick wirkt das Gerät wie ein simples Brillengestell mit einem kleinen Display und einer integrierten Kamera. Doch in dem kleinen Gestell befinden sich jede Menge nicht sichtbare Technik und ausgeklügelte Funktionen. Das kleine Display ist so nahe vor dem rechten Auge platziert, dass es wie ein großer Fernseher wirkt, der etwa zwei Meter vor einem aufgestellt ist. Somit ist genug Platz vorhanden, um diverse Informationen direkt vor das menschliche Auge zu projizieren. Da das Display durchsichtig ist, legen sich die projizierten Bilder direkt vor die wahrgenommene Umwelt. Für den Google Glass Nutzer wirkt das Ganz so, als würden die Informationen direkt in der realen Umgebung erscheinen. Nach wenigen Stunden hat er bereits vergessen, dass er einen Bildschirm vor seinem Auge hat. Doch was genau erscheint auf diesem Display?

Hier eine Auswahl der Features:

  • Strava Run

    App für das Tracking der eigenen Jogging-Einheiten. Aufzeichnung der Geschwindigkeit und Entfernung durch integrierten GPS Empfänger. Live-Feedback auf Display zeigt unter anderem aktuelle Rekorde und Bestleistungen von Freunden.

  • Navigation

    Navigation für Autos und Fußgänger mit integriertem GPS Empfänger. Karten und Routen werden über mobile WLAN-Schnittstelle geladen.

  • Hangouts

    Nutzung des Google eigenen Chatprogramms Hangouts zur mobilen Kommunikation mit Freunden. Nachrichten werden per Diktierfunktion geschrieben und versendet.

  • Google Play Music

    Hören der Lieblingsmusik direkt aus dem Google Play Store. Anschluss von Kopfhörern über integrierten Klinkenstecker. Wahl des passenden Tracks über Voice Control.

  • Search

    Mobile Nutzung der Google Suchmaschine über Diktierfunktion. Die Recherche nach Informationen ist jederzeit mit ein paar gesprochenen Worten möglich.

  • Foto & Video

    Aufnahme von Videos und Fotos über die integrierte Kamera. Die Bedienung erfolgt über einzelne Wortkommandos.

  • Social Media

    Aufgenommene Fotos und Videos können direkt per Wortkommando auf den wichtigsten Social Media Netzwerken wie Google+, Facebook oder YouTube geteilt werden.

  • Anruf

    Über die integrierte WLAN-Schnittstelle können auch Telefonate geführt werden. Durch den Anschluss eines Headsets wird die reibungslose Übertragung eines Gespräches sichergestellt. Die Wahl der gewünschten Nummer erfolgt auch hier über die Diktierfunktion.

 

Augmented Reality – Fusion zweier Welten

Durch Google Glass erlebt der Mensch die Wirklichkeit wie nie zuvor. Das was vorher nur in Science-Fiction Filmen möglich war, wird langsam zur Realität. Mit einem Google Glass kann der Nutzer jederzeit relevante Informationen über seine Umwelt abrufen. Das am besten bewertete Restaurant in direkter Nähe, die Busverbindung nach Hause, die Wettervorhersage des laufenden Tages und die Geschichte von historischen Gebäuden sind nur ein Bruchteil der verfügbaren Informationen. Egal was der Nutzer auch sieht, das Wahrgenommene wird mit weiteren digitalen Informationen angereichert. Experten sprechen hier von Augmented Reality bzw. erweiterter Realität. 

Eine kurze und prägnante Definition ist auf Wikipedia zu finden:

Unter erweiterter Realität (auch englisch augmented reality [ɔːɡˈmɛntɪd ɹiˈælɪti], kurz AR [eɪˈɑː]) versteht man die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung. Diese Information kann alle menschlichen Sinnesmodalitäten ansprechen.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Erweiterte_Realität

Google Glass nutzt vor allem die visuelle Wahrnehmung des Menschen, um die Realität zu erweitern. Auch die Ansprache des auditiven Sinneskanals wäre hier denkbar. Streng genommen gibt es diesen Fall bereits seit Jahren in Museen. Die dort verfügbaren Audio-Guides geben den Besuchern über deren auditiven Kanal weitere Informationen über die wahrgenommenen Ausstellungsstücke.

Hier zwei Schaubilder, welche die mögliche Erweiterung der Realität durch Google Glass an einem generellen Modell und einem Beispiel visualisieren:

Schema – Augmented Reality mit Google Glass

Augmented Reality_Schema

Quelle: http://www.philipp-trautmann.de

 

Beispiel – Augmented Reality mit Google Glass

Augemented Reality_Beispiel

Quelle: http://www.philipp-trautmann.de

Durch die Funktionen von Google Glass und die simple Bedienung des Devices ermöglichen dem Nutzer eine neue Bandbreite von Anwendungsfällen. Vor allem im privaten Umfeld sind nun Dinge denkbar, die vorher zwar möglich, aber nur sehr umständlich realisierbar waren.

Hier eine Auflistung von denkbaren Use-Cases:

Google Glass Use-Cases

Quelle: http://www.philipp-trautmann.de

Die in der Tabelle gezeigten Anwendungsfälle stellen lediglich einen kleinen Bruchteil der möglichen Einsatzgebiete von Google Glass dar. Doch welche Vision verfolgt Google mit diesem Produkt? Welche Nutzenpotentiale sieht der gigantische Konzern für den Konsumenten?

 

Google Glass – Für Aktive, Entdecker und Abenteurer

Leider hat Google für sein Produkt Glass noch keinen offiziellen Slogan entwickelt, der uns Aufschluss über die Ausrichtung dieses Produktes geben könnte. Schauen wir uns jedoch die Landing Page des Produktes an, können wir so einige Hinweise finden. Auf der Seite What it Does hat Google die wichtigsten Apps und Einsatzmöglichkeiten von Google Glases aufgelistet. Diese sind in drei unterschiedlich Kategorien aufgeteilt, die jeweils einen eigenen Slogan haben:

Google Glass_Slogan

Quelle: http://www.philipp-trautmann.de

Quelle: http://www.google.com/glass/start/what-it-does/

Der Landing Page von Google Glass lässt sich also entnehmen, dass das Produkt drei unterschiedliche Zielgruppen anspricht und für diese Gruppen passende Anwendungsfälle (Apps) bereit hält. Die von Google identifizierten und vermarkteten  Nutzenpotentiale sollen diejenigen Motive abdecken, die einen Konsumenten auch dazu bewegen, ein solches Produkt zu nutzen. Die Rede ist vom sogenannten Consumer Insight. Dieser spiegelt die Motive, Ansichten, Wünsche und Handlungsweisen eines Kunden wider, wenn dieser ein bestimmtes Produkt kauft und einsetzt. Consumer Insights lassen sich häufig durch Kundenbefragungen oder Markt- und Kundenbeobachtungen identifizieren.

Doch der Consumer Insight ist leider nicht die Wunderformel, für die Erstellung des bestmöglichen Produktes für eine spezielle Zielgruppe. Viel mehr ist es nur ein Bestandteil des Kundenbedürfnisses. Häufig vernachlässigt werden die triebhaften Wünsche eines Menschen, die sogenannte Consumer Dark Site, über welche dieser niemals sprechen würde. Dies liegt unter anderem daran, dass einige dieser Wunschgedanken von der Gesellschaft als unkonventionell und schlecht bewertet werden. Ein mögliches Beispiel ist das Kaufmotiv für einen teuren Sportwagen. Der Consumer Insight würde herausstellen, dass die männlichen Fahrer vor allem die Geschwindigkeit, die Verarbeitung und das Design der Fahrzeuge als entscheidenden Kaufgrund sehen. Ein weiterer nicht unerheblicher Kaufgrund ist jedoch der Umstand, dass Männer mit einem schicken Sportwagen auch das weibliche Geschlecht beeindrucken wollen. Würde man einen männlichen Sportwagenfahrer jedoch öffentlich befragen, würde er in den wenigsten Fällen ein sexuell oder gar kriminell orientiertes Motiv angeben. Doch gerade diese stark emotional behafteten Motive können den entscheidenden Unterschied in der Kundenkommunikation ausmachen.

Bei der Erstellung eines neuen Produktes sollten daher immer beide Seiten eines Kunden durchleuchtet werden:

Consumer_Insight vs Darksite

Quelle: http://www.philipp-trautmann.de

Doch wie verhält es sich mit Google Glass? Hat Google in seinen geschilderten Anwendungsfällen auch die Dark Site der Kunden erfasst oder nur die Insight?

 

Hinter Googles Rücken – Ungewöhnliche Einsatzfelder der Datenbrille

Seit ungefähr einem Monat ist die Google Glass nun auf dem amerikanischen Markt käuflich zu erwerben. Nach vier Wochen können wir somit ein erstes Fazit über die Nutzung des Produktes ziehen. Bei meiner Recherche habe ich bewusst auf mögliche Fehlfunktionen, Störungen oder ähnliches verzichtet. Im Schwerpunkt habe ich mich auf Berichte fokussiert, welche die aktuellen Einsatzfelder der Datenbrille beschreiben. Dabei kamen einige kuriose Use Cases zum Vorschein.

 

1. ShotView – Google Glass als Beihelfer zu Mord

Die App ShotView ermöglicht es dem Nutzer, bei einem Feuergefecht um die Ecke zu sehen. Das Prinzip ist relativ simpel. Im Zielfernrohr einer Feuerwaffe oder eines Gewehres wird eine kleine Kamera installiert. Diese filmt die Umgebung und streamt die Bilder direkt an das Display des Google Glass. Soldaten können mit dieser Technologie auf gegnerische Parteien feuern, ohne selbst in der Schusslinie stehen zu müssen. Die aufkommende virtuelle Unterstützung bei der Kriegsführung durch z.B. solche Apps ist mittlerweile zu einem solchen Trend avanciert, dass bereits neue Begrifflichkeiten wie Augmented Killing entstehen.

Auf YouTube ist sogar eine kurze Vorstellung der ShotView App zu finden:

Quellen:

 

 2. Minuum- Intelligente Tastatur für Google Glass

Die App Minuum erweitert Google Glass um eine intelligente Tastatur. Diese kann z.B. durch das seitlich angebrachte Touchpad oder über die Kopfbewegung des Nutzers bedient werden. Einzelne Buchstaben werden durch die Bewegung des Kopfes nach links, rechts, oben oder unten ausgewählt. Eine automatische Worterkennung unterstützt das schnelle Diktieren von längeren Sätzen. Weitere Bedienmöglichkeiten sind bereits in Planung.

Das folgende Video zeigt die Kernfeatures des Produktes:

Quellen:

 

 3. WatchMeTalk- Bessere Kommunikation für Hörgeschädigte

Ein weiteres interessantes Einsatzfeld der Google Glass deckt die App WatchMeTalk ab. Diese App registriert das gesprochene Wort und wandelt dieses in Echtzeit in einen Untertitel um. Dieser erscheint auf dem Display der Google Glass und vereinfacht somit die Kommunikation bei hörgeschädigten Menschen. Auch die Einblendung von Untertiteln in Kinofilmen soll mit der App möglich sein. Die Technologie befindet sich aktuell noch in der Entwicklung, jedoch wird diese sicherlich einen großen Markt erschließen können.

Erste Testfunktionen zeigt dieses Video:

Quellen:

 

4. DriveSafe4Glass – Gegen Kurzschlaf am Steuer

Um die Sicherheit am Steuer kümmert sich die App DriveSafe4Glass. Mit der App überwacht die Datenbrille die Augen des Nutzers und achtet auf Anzeichen eines Schlafes. Sollte der Autofahrer kurz vor dem Einschlafen sein, gibt sein Google Glass ein akustisches Signal ab. um ihn wieder aufzuwecken. Bei längeren Fahrzeiten rät ihm das Gerät zudem, eine kürzere Pause einzulegen.

Quellen:

 

5. Pornoindustrie – Point of View Pornographie als Wachstumsmotor

Einen Punkt den Google Sicherlich nicht als möglichen Anwendungsfall der Google Glass impliziert hatte, ist der Dreh von Pornofilmen. Doch die integrierte Foto- und Videofunktion bietet der Pornoindustrie neue Möglichkeiten. Die Aufnahme der Filme aus der sogenannten Point of View Perspektive folgen dabei einem bestimmten Trend. Ähnlich wie bei Ego-Shootern wünschen sich die Konsumenten immer mehr, einen Film oder ein Spiel aus der Perspektive der Hauptakteure erleben und wahrnehmen zu können. Dies schafft eine engere Verbindung zu den Protagonisten und eine höhere emotionale Tiefe. Situationen werden nicht nur wahrnehmbar, sondern auch fühlbar. Sicherlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Spieleentwickler den Sprung auf Google Glass wagen, um neue Potentiale für Augmented Gaming zu erschließen.

Quellen:

 

Fazit:

Mit Glass hat Google einen weiteren großen Schritt nach vorne gemacht in Richtung vernetzte Welt. Die von Google bisher skizzierten Use-Cases decken sicherlich relevante Handlungsempfehlungen der Kunden ab. Jedoch zeigen die im vorherigen Abschnitt beschriebenen Anwendungsfälle, dass Google längst noch nicht alle Aktionsfelder berücksichtigt hat. Dies ist bei der eingesetzten Hardware in Google Glass und den damit möglichen Handlungsoptionen sicherlich auch nicht ohne weiteres möglich. Das oberste Ziel von Google sollte auch nicht sein, alle möglichen Use-Cases mit dem Produkt abzudecken, sondern die wahren Handlungsmotive der Kunden zu entschlüsseln und diese angemessen zu bedienen. Hierzu gehör auch die Identifizierung der Dark Site der Kunden, wie das Beispiel der ShotView App und der Pornoindustrie gezeigt haben. Nur so kann Google die richtige Kommunikationsstrategie in Richtung Kunde aufbauen und mittelfristig verhindern, dass sein neues Produkt für ungewollte Zwecke missbraucht wird. Sollte der Großteil der Google Glass Nutzer das Produkt für kriminelle oder schmuddelige Zwecke einsetzen, dann leidet in direkter Konsequenz der Produktabsatz und das Firmenimage von Google. Die Entwicklung der kommenden Apps durch externe Entwickler und zukünftige Nutzungsberichte sollten daher sehr genau beobachtet werden, um früh genug Gegenmaßnahmen einleiten zu können.

Eine sehr ausführliche Liste der bisher entwickelten oder sich in Entwicklung befindenden Applikationen für Google Glass ist hier zu finden: Google Glass Application List

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